Sekundärtrauma und seine Folgen

Sekundäre Traumatisierung bezieht sich auf die Erfahrung neuer Traumata oder die Verschlimmerung alter Traumata, wenn sich das Opfer in Situationen der Reviktimisierung oder schlechten Umgangs mit seinen sozialen Beziehungen befindet. Dies kann als Folge einer zwanghaften Wiederholung auftreten, bei der die Person Umstände oder Beziehungen wählt, die ihr Trauma weiter nähren oder verschlimmern.

Beispiel einer sekundären Traumatisierung

Eine Person, die als Kind sexuell missbraucht wurde, kann als Erwachsener in eine Beziehung geraten, in der sie erneut sexuelle Gewalt erlebt. In diesem Fall wird das ursprüngliche Trauma reaktiviert, das Opfer erlebt dieses Erlebnis jedoch als neues Trauma, das es in einen kontinuierlichen Leidenskreislauf versetzt. Dieses Phänomen kann auch im Kontext sozialer Reviktimisierung auftreten, beispielsweise wenn eine Person, die wiederholtem Missbrauch ausgesetzt ist, in ihren sozialen Beziehungen zunehmend isoliert, abgelehnt oder stigmatisiert wird.

Sekundäre Traumatisierung kann zu Folgendem führen:

  1. Eine Verschlechterung der Symptome: Das Wiedererleben traumatischer Situationen kann zu einer Verstärkung der Symptome im Zusammenhang mit dem ursprünglichen Trauma führen, wie etwa Flashbacks, Albträume, Angststörungen oder posttraumatischer Stress (PTBS). Ungelöste Emotionen aus der Vergangenheit tauchen wieder auf und fügen neue Wunden hinzu, was die Heilung noch schwieriger macht.
  2. Ein Gefühl des Untergangs oder der Hoffnungslosigkeit: Das Opfer glaubt möglicherweise, dass es dazu bestimmt ist, ein ständiges Opfer zu sein, dass es nicht in der Lage ist, sein Schicksal zu ändern, oder dass es keine Kontrolle über sein Leben hat. Dies kann selbstverletzendes Verhalten wie Sucht, Selbstverletzung oder Selbstmordgedanken verstärken.
  3. Der Mangel an Vertrauen in sich selbst und in andere: Jede neue traumatische Erfahrung in diesem Zyklus verstärkt die negative Wahrnehmung von sich selbst und anderen. Das Opfer kann ein tiefes Gefühl der Hoffnungslosigkeit entwickeln und glauben, dass menschliche Beziehungen immer gefährlich oder destruktiv sind.

Wie kann man diesen Wiederholungszyklus durchbrechen?

Die Heilung von zwanghafter Wiederholung und sekundärer Traumatisierung erfordert intensive Arbeit, oft mit Hilfe eines Psychologen. Hier sind einige Ansätze, die helfen können:

  1. Destruktive Muster erkennen: Der erste Schritt zur Heilung besteht darin, sich wiederholende Muster bewusst zu machen. Dies kann schwierig sein, da diese Verhaltensweisen oft unbewusst sind. Psychotherapie, insbesondere kognitive Verhaltenstherapie oder Schematherapie, kann dabei helfen, diese Schemata zu erkennen und zu dekonstruieren.
  2. Entwickeln Sie neue Bewältigungsstrategien: Es ist wichtig zu lernen, mit Emotionen und Ängsten umzugehen, ohne auf selbstzerstörerische Verhaltensweisen zurückzugreifen. Dazu können Techniken zur emotionalen Regulierung, Entspannung oder sogar Achtsamkeitsübungen gehören, die es Ihnen ermöglichen, sich von intensiven Emotionen zurückzuziehen.
  3. Wiederaufbau des Selbstwertgefühls: Das Opfer muss lernen, sich selbst positiv wahrzunehmen und zu glauben, dass es gesunde und respektvolle Beziehungen verdient. Dabei geht es oft darum, an der Reparatur des Selbstbildes zu arbeiten, das Selbstvertrauen wiederherzustellen und eine Identität zu entwickeln, die von der Opferrolle getrennt ist.
  4. Vermeidung des Viktimisierungssyndroms: Es ist entscheidend, Situationen und Menschen zu erkennen und zu vermeiden, die zu erneuten Opfern führen können. Dazu kann gehören, an Beziehungsentscheidungen zu arbeiten und zu lernen, Anzeichen von toxischem oder missbräuchlichem Verhalten schon früh in einer Beziehung zu erkennen.

Zyklus aus Wiederholung und sekundärer Traumatisierung – Verursacht Selbstzerstörung

Der Wiederholungszyklus und die sekundäre Traumatisierung sind komplexe psychologische Konzepte, die erklären, wie Traumaopfer in destruktiven Mustern stecken bleiben und vergangene traumatische Situationen unbeabsichtigt wiederholen können. Diese oft unbewusste Dynamik kann äußerst schwer zu durchbrechen sein, insbesondere wenn die ursprünglichen Traumata ungelöst sind oder nur unzureichend verstanden werden. Das diesem Zyklus zugrunde liegende Phänomen wird oft als zwanghafte Wiederholung bezeichnet.

Das Phänomen der zwanghaften Wiederholung

Der Begriff zwanghafte Wiederholung wurde von Sigmund Freud eingeführt, um das Phänomen zu beschreiben, dass eine Person trotz ihres bewussten Wunsches, ein traumatisches Erlebnis nicht noch einmal zu erleben, sich dennoch unwillkürlich in Situationen wiederfindet, die denen ähneln, die ihr ursprüngliches Trauma verursacht haben. Diese Wiederholung kann durch Verhaltensweisen, Partnerwahlen, Entscheidungen oder sogar Lebensereignisse beobachtet werden, die das ursprüngliche Trauma auf symbolische oder direkte Weise „wiederholen“.

Wie funktioniert es?

Der Mechanismus der zwanghaften Wiederholung basiert auf einer paradoxen Idee: Obwohl die Person dem Schmerz eines vergangenen Traumas entfliehen möchte, fühlt sie sich bewusst oder unbewusst zu Situationen oder Menschen hingezogen, die diesen Schmerz wieder erwecken. Dies kann auf verschiedenen Ebenen geschehen:

  1. Unbewusster Versuch, das Trauma zu kontrollieren: Durch die Reproduktion ähnlicher Situationen versucht das Opfer, ohne es zu wissen, das Trauma in der Hoffnung auf Reparatur oder Kontrolle nachzuspielen Situation, um mit einem anderen Ergebnis herauszukommen. Beispielsweise kann sich eine Person, die in einer Beziehung Missbrauch erlebt hat, anschließend für einen Partner entscheiden, der ähnliche missbräuchliche Verhaltensweisen zeigt. Diesmal hofft sie jedoch unbewusst, dass sie „gewinnen“ oder die Situation anders „bewältigen“ kann. Leider scheitert dieser Versuch oft und verstärkt das Trauma, anstatt es zu lösen.
  2. Wiederholung von Beziehungsmustern: Menschen, die ein Trauma, insbesondere emotionalen Missbrauch oder Vernachlässigung, erlebt haben, können destruktive Beziehungsmuster reproduzieren. Sie können sich beispielsweise Partner suchen, die sie schlecht behandeln, sei es durch missbräuchliche Beziehungen, emotionale Ablehnung oder Vernachlässigung. Dieses Phänomen ist zum Teil auf mangelndes Selbstwertgefühl oder auf ein unbewusstes Gefühl zurückzuführen, dass man diese Art der Behandlung „verdient“. Vergangene Traumata wiederholen sich somit in Beziehungen und es entsteht ein Teufelskreis, in dem die Person immer wieder emotionale Wunden erleidet.
  3. Die Unfähigkeit, dem Trauma zu entkommen: Ein weiterer Grund, warum sich eine Person zu Situationen hingezogen fühlt, die dem Trauma ähneln, ist das Gefühl eines Déjà-vu. Wenn das anfängliche Trauma nicht vollständig gelöst wurde, kann es weiterhin einen Einfluss auf die eigenen Gedanken und Verhaltensweisen haben. Beispielsweise kann ein Kind, das in einem chaotischen oder missbräuchlichen familiären Umfeld aufgewachsen ist, als Erwachsener Schwierigkeiten haben, sich in einem gesunden Umfeld zurechtzufinden. Möglicherweise sucht er unbewusst nach Stress-, Konflikt- oder Missbrauchssituationen, weil diese Situationen zu seinem „vertrauten“ emotionalen Funktionsmuster passen.

Warum bleibt diese Wiederholung bestehen?

Diese Wiederholungsdynamik mag irrational erscheinen, aber sie hat ihre Wurzeln in mehreren zugrunde liegenden psychologischen Prozessen:

  1. Das Unbewusste: Ein Teil des menschlichen Geistes versucht, Veränderungen zu vermeiden, auch wenn diese Veränderungen von Vorteil sein könnten. Das Unbewusste zieht es oft vor, bekannte Muster (auch destruktive) zu wiederholen, anstatt sich der Ungewissheit einer Veränderung zu stellen. Dies erklärt, warum manche Traumaopfer offenbar ähnliche traumatische Erfahrungen „anziehen“.
  2. Das Bedürfnis nach Kontrolle und Vorhersehbarkeit: Ein Trauma, insbesondere wenn es in jungen Jahren erlebt wird, kann ein intensives Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit hervorrufen. Obwohl die Situation schmerzhaft ist, ist sie vertraut und „vorhersehbar“. Dies kann dazu führen, dass der Einzelne unbewusst ähnliche Situationen wählt, die eine Form wahrgenommener Kontrolle bieten, selbst wenn diese Kontrolle destruktiv oder illusorisch ist.
  3. Das verinnerlichte mentale Modell: Aufgrund des Traumas entwickelt die Person oft ein mentales Modell, in dem sie die Vorstellung verinnerlicht, dass sie verantwortlich ist oder dass sie es verdient, zu leiden. Dies kann zu einer Tendenz führen, Situationen oder Partner zu wählen, die dieses Muster des Missbrauchs oder der Vernachlässigung reproduzieren. Dieses interne Modell von „Ich = Opfer“ wird dann zu einem Prisma, durch das sie Lebensereignisse interpretiert.

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